Hörsturz: Wenn das Gehör plötzlich nachlässt
Eben noch war alles normal, und dann klingt die Welt auf einer Seite wie durch eine Wand. Stimmen wirken gedämpft, das Ohr fühlt sich verstopft an, vielleicht pfeift es sogar. So erleben viele Menschen einen Hörsturz. Die gute Nachricht vorweg: In vielen Fällen erholt sich das Gehör ganz oder teilweise wieder. Wichtig ist, die Anzeichen ernst zu nehmen und zeitnah ärztlichen Rat einzuholen. Hier erfahren Sie alles Wichtige rund um den plötzlichen Hörverlust.
Was ist ein Hörsturz?
Ein Hörsturz ist eine plötzlich auftretende Schwerhörigkeit, die in der Regel nur ein Ohr betrifft und sich innerhalb von Minuten bis wenigen Stunden entwickelt. Mediziner sprechen vom „akuten idiopathischen sensorineuralen Hörverlust“. Das Wort „idiopathisch“ bedeutet, dass sich keine eindeutige Ursache finden lässt – genau das ist beim Hörsturz meistens der Fall.
Betroffen ist das Innenohr. Dort wandeln feine Sinneszellen in der Hörschnecke die Schallwellen in Nervensignale um. Funktioniert dieser Vorgang plötzlich nicht mehr richtig, kommen Töne nur noch abgeschwächt oder verzerrt im Gehirn an. Fachleute sprechen deshalb von einer Schallempfindungsschwerhörigkeit.
Umgangssprachlich wird der Hörsturz oft als Ohrinfarkt bezeichnet. Der Begriff geht auf die Vermutung zurück, dass eine Durchblutungsstörung dahintersteckt. Diese Annahme ist jedoch wissenschaftlich nicht belegt, weshalb der Begriff heute eher kritisch gesehen wird.
Hörsturz oder etwas anderes?
Nicht jede plötzliche Hörminderung ist ein Hörsturz. Ein Ohrenschmalzpfropf, eine Mittelohrentzündung, ein Paukenerguss oder ein Knalltrauma nach einem lauten Geräusch können ähnliche Beschwerden verursachen. Von einem echten Hörsturz spricht man erst, wenn solche erkennbaren Ursachen ausgeschlossen wurden.
Hörsturz und Tinnitus: der Unterschied
Beim Hörsturz steht der Verlust des Hörvermögens im Vordergrund, beim Tinnitus dagegen die Wahrnehmung von Ohrgeräuschen. Beides tritt jedoch häufig gemeinsam auf: Viele Menschen bemerken zusammen mit dem Hörsturz ein Pfeifen oder Rauschen, und bei manchen bleibt der Tinnitus auch dann bestehen, wenn sich das Gehör wieder erholt hat. Mehr dazu lesen Sie auf unserer Seite zum Thema Tinnitus.
Wer ist betroffen?
Ein Hörsturz kann grundsätzlich jeden treffen. Am häufigsten tritt er im mittleren und höheren Erwachsenenalter auf, Männer und Frauen sind etwa gleich oft betroffen. Bei Kindern und Jugendlichen ist er selten.
Symptome: Woran erkenne ich einen Hörsturz?
Das Leitsymptom ist ein plötzlicher, meist einseitiger Hörverlust ohne Schmerzen. Wie stark er ausfällt, ist sehr unterschiedlich – von einer kaum merklichen Dämpfung bis hin zur vollständigen Ertaubung auf dem betroffenen Ohr. Häufig sind nur bestimmte Tonbereiche betroffen, etwa die tiefen oder die hohen Frequenzen.
Typische Begleitsymptome sind:
Druck- oder Wattegefühl: Das Ohr fühlt sich an wie verstopft oder wie nach einer Landung im Flugzeug, ohne dass sich der Druck ausgleichen lässt.
Ohrgeräusche: Pfeifen, Rauschen, Summen oder Brummen setzen gleichzeitig mit dem Hörverlust oder kurz danach ein.
Verzerrtes Hören: Stimmen und Musik klingen blechern, dumpf oder unangenehm laut. Manche Betroffene hören einen Ton auf beiden Ohren in unterschiedlicher Höhe (Diplakusis).
Schwindel: Ein leichtes Unsicherheitsgefühl oder seltener ein kräftiger Drehschwindel kann darauf hinweisen, dass auch das Gleichgewichtsorgan im Innenohr beteiligt ist.
Taubheitsgefühl an der Ohrmuschel: Einige Menschen beschreiben die Haut rund um das Ohr als pelzig oder weniger empfindlich.
Ohrenschmerzen gehören dagegen nicht zum typischen Bild eines Hörsturzes. Treten Schmerzen auf, spricht das eher für eine andere Ursache, etwa eine Entzündung.
Wichtig: Kommen zum Hörverlust Lähmungen im Gesicht, Seh- oder Sprachstörungen, starke Kopfschmerzen oder Taubheitsgefühle in Armen oder Beinen hinzu, rufen Sie sofort den Notruf 112. Diese Anzeichen können auf einen Schlaganfall hindeuten.
Diagnose: Wie wird ein Hörsturz festgestellt?
Ein Hörsturz ist nach heutigem Wissen kein Notfall wie ein Herzinfarkt, sollte aber innerhalb von ein bis zwei Tagen in einer HNO-Praxis abgeklärt werden. Da es keinen einzelnen Test für den Hörsturz gibt, geht die Ärztin oder der Arzt nach dem Ausschlussprinzip vor.
Gespräch (Anamnese): Wann und wie hat der Hörverlust begonnen? Gibt es Begleitsymptome, Vorerkrankungen, Stress oder einen möglichen Auslöser wie Lärm oder einen Infekt?
Ohrmikroskopie: Mit dem Mikroskop werden Gehörgang und Trommelfell betrachtet, um etwa einen Ohrenschmalzpfropf oder eine Entzündung auszuschließen.
Hörtest (Tonaudiogramm): Er zeigt, in welchen Frequenzen und wie stark das Hörvermögen gemindert ist. Die sogenannten Stimmgabeltests helfen zusätzlich zu unterscheiden, ob das Problem im Mittel- oder Innenohr liegt.
Tympanometrie: Diese Messung prüft die Beweglichkeit des Trommelfells und deckt Störungen im Mittelohr wie einen Paukenerguss auf.
Weitere Untersuchungen: Je nach Befund folgen Gleichgewichtstests, Blutuntersuchungen oder eine Kernspintomografie (MRT), um seltene Ursachen wie ein Akustikusneurinom auszuschließen.
Ursachen: Warum kommt es zum Hörsturz?
Trotz intensiver Forschung ist die genaue Ursache eines Hörsturzes meist unklar. Diskutiert werden verschiedene Mechanismen, die möglicherweise auch zusammenwirken:
Durchblutungsstörungen im Innenohr: Das Innenohr reagiert empfindlich auf eine verminderte Versorgung mit Sauerstoff. Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Diabetes, erhöhte Blutfette und Rauchen werden deshalb mit einem erhöhten Hörsturzrisiko in Verbindung gebracht.
Virusinfektionen: Bestimmte Viren könnten das Innenohr oder den Hörnerv direkt schädigen oder eine Entzündungsreaktion auslösen. Nicht selten berichten Betroffene von einem vorausgegangenen Infekt.
Autoimmunprozesse: Selten richtet sich das Immunsystem gegen Strukturen im Innenohr. Auch Autoimmunerkrankungen wie Lupus können das Risiko erhöhen.
Stress: Starke berufliche oder private Belastung gilt nicht als alleinige Ursache, kann aber andere Faktoren begünstigen – zum Beispiel über Einflüsse auf Blutgefäße und Immunsystem.
Seltene Auslöser: Verletzungen am Kopf, starke Druckschwankungen beim Tauchen, Einrisse der Membranen im Innenohr oder gutartige Tumoren am Hörnerv können ebenfalls hinter einem plötzlichen Hörverlust stecken.
Behandlung: Was tun bei einem Hörsturz?
Die wichtigste Regel lautet: nicht abwarten, sondern zeitnah zum HNO-Arzt. Dort wird individuell entschieden, ob und wie behandelt wird.
Kortison (Glukokortikoide): Die Behandlung mit Kortison ist die am häufigsten eingesetzte Therapie. Es wirkt entzündungshemmend und abschwellend und wird als Tablette oder Infusion gegeben. Eine eindeutige Überlegenheit gegenüber dem natürlichen Heilungsverlauf ist zwar wissenschaftlich nicht zweifelsfrei belegt, dennoch empfiehlt die deutsche Leitlinie einen Behandlungsversuch.
Kortison direkt ins Mittelohr (intratympanale Therapie): Bessert sich das Gehör nicht ausreichend oder darf Kortison nicht über den ganzen Körper gegeben werden, kann das Medikament unter örtlicher Betäubung durch das Trommelfell gespritzt werden. So gelangt es gezielt ins Innenohr.
Weitere Verfahren: Früher häufig eingesetzte durchblutungsfördernde Infusionen werden heute nicht mehr empfohlen, da ihr Nutzen nicht belegt ist. Die hyperbare Sauerstofftherapie in der Druckkammer wird in Einzelfällen angeboten, ihre Wirksamkeit ist unter Fachleuten jedoch umstritten.
Und Hausmittel? Ruhe, Stressabbau und Schonung des Gehörs tun gut und unterstützen die Erholung. Pflanzliche oder homöopathische Mittel ersetzen jedoch keine ärztliche Untersuchung und Behandlung.
Wie lange dauert ein Hörsturz und wie gut sind die Heilungschancen?
Die Prognose ist insgesamt günstig. Bei einem erheblichen Teil der Betroffenen erholt sich das Gehör in den ersten Tagen bis Wochen von selbst, teilweise schon nach wenigen Stunden. Besonders gute Aussichten bestehen bei einem leichten Hörverlust und wenn überwiegend die tiefen Töne betroffen sind. Ungünstiger ist die Prognose bei einem hochgradigen Hörverlust, bei begleitendem Schwindel und in höherem Alter.
Verhalten während eines Hörsturzes
Ruhe gönnen: Schonen Sie sich und vermeiden Sie Stress. Ob und wie lange eine Krankschreibung sinnvoll ist, entscheidet Ihr Arzt – häufig sind es einige Tage bis zwei Wochen.
Lärm meiden: Verzichten Sie auf laute Umgebungen und auf Kopfhörer, um das betroffene Ohr nicht zusätzlich zu belasten.
Sport, Fliegen und Tauchen: Anstrengende Aktivitäten sowie starke Druckwechsel beim Fliegen oder Tauchen sollten Sie mit Ihrem Arzt besprechen und in der akuten Phase möglichst vermeiden.
Spätfolgen: Wenn das Gehör nicht vollständig zurückkehrt
Bei manchen Betroffenen bleibt nach einem Hörsturz eine dauerhafte Schwerhörigkeit auf einem Ohr zurück, oft zusammen mit einem Tinnitus. Das kann den Alltag spürbar erschweren: Richtungshören, Gespräche in lauter Umgebung oder das Telefonieren fallen schwerer.
Hörgeräte nach einem Hörsturz können hier viel bewirken. Sie gleichen den Hörverlust aus, verbessern das Sprachverstehen und können einen begleitenden Tinnitus in den Hintergrund rücken. Ist ein Ohr stark oder vollständig ertaubt, kommen spezielle Lösungen wie eine CROS-Versorgung infrage, die Schall von der tauben auf die gesunde Seite überträgt. In ausgewählten Fällen kann auch ein Cochlea-Implantat sinnvoll sein.
Unsere Hörakustikerinnen und Hörakustiker bei VIVOTON beraten Sie gerne, welche Lösung zu Ihrer Hörsituation passt.
Einem Hörsturz vorbeugen
Einen sicheren Schutz vor einem Hörsturz gibt es nicht. Da jedoch Herz-Kreislauf-Risiken eine Rolle spielen könnten, lohnt sich ein gesunder Lebensstil:
Blutdruck, Blutzucker und Blutfette regelmäßig kontrollieren lassen
Auf das Rauchen verzichten
Sich ausgewogen ernähren und regelmäßig bewegen
Übergewicht reduzieren
Bewusst Pausen einplanen und Stress abbauen
Das Gehör vor Lärm schützen, zum Beispiel mit Gehörschutz bei Konzerten, Festivals oder lauten Arbeiten
Häufige Fragen zum Hörsturz
Wie fühlt sich ein Hörsturz an?
Die meisten Betroffenen beschreiben ein plötzliches dumpfes Gefühl auf einem Ohr, als wäre es mit Watte verstopft. Häufig kommen Ohrgeräusche hinzu, manchmal auch Schwindel oder ein verzerrtes Hören. Schmerzen sind untypisch.
Kommt ein Hörsturz plötzlich oder schleichend?
Ein Hörsturz tritt plötzlich auf, oft von einem Moment auf den anderen oder über Nacht. Viele Betroffene bemerken ihn direkt nach dem Aufwachen. Ein langsam über Monate oder Jahre nachlassendes Gehör deutet dagegen eher auf eine andere Form der Schwerhörigkeit hin.
Muss ich mit einem Hörsturz ins Krankenhaus?
In den meisten Fällen nicht. Eine Untersuchung in der HNO-Praxis innerhalb von ein bis zwei Tagen ist in der Regel ausreichend. Nur bei sehr starkem Hörverlust, heftigem Schwindel oder neurologischen Beschwerden kann eine Behandlung in der Klinik sinnvoll sein.
Kann ein Hörsturz wiederkommen?
Ja, das ist möglich. Die meisten Menschen erleiden jedoch nur einmal im Leben einen Hörsturz. Bei wiederholten Episoden sollte genauer untersucht werden, ob eine andere Erkrankung wie Morbus Menière dahintersteckt.
Was darf ich bei einem Hörsturz nicht tun?
Ignorieren Sie die Beschwerden nicht und warten Sie nicht tagelang ab. Vermeiden Sie Lärm, große körperliche Anstrengung und Stress, und setzen Sie Ihr Ohr keinen starken Druckwechseln aus.
Ihr Gehör in guten Händen
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